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Du bist kaputt

Benutzungsspuren der Wirbelsäule im Modell

Zwei Patienten

Ein Drittklässler kommt in meine Praxis. Laut der Mutter hat er Plattfüße, Skoliose und Trichterbrust, ob ich da noch was tun könne. Diese Diagnosen und die dazugehörigen Ziffern der ICD-10 stehen alle auf der Überweisung vom Orthopäden.

Ich schaue mir den jungen Mann an.

Haltung: OK

Trichterbrust: Kann ich absolut nicht erkennen. Sternum nicht abgesenkt, keine relevanten Verformungen des vorderen Brustkorbs.

Skoliose: Ein wenig. Keinerlei asymmetrische Rippenbogen Erhöhungen.

Plattfüße: Joa… Aber in der Endphase des Abrollens bildet sich ein Fußgewölbe was im passiven Stehen eher nicht zu sehen ist.

Beweglichkeit: Nicht eingeschränkt. Tolle Form in der tiefen Hocke, Einbeinstand produziert Fußgewölbe, Gangbild ohne Befund, Schultern und Becken physiologisch leicht schief

Ich halte es für völlig fahrlässig, junge Menschen mit solch teilweise ausweglosen ‚Diagnosen‘ zu belasten. Denn was sind hier die Maßnahmen? Jährliche Kontrolle, Einlagen, vielleicht ein bisschen Physio wenn das Budget es zulässt.

Wird eine solche Ansammlung von ‚Diagnosen‘ dafür sorgen dass der Junge sich gerne und viel bewegt? Oder ist er von Anfang an entmutigt, weil sein Knochengerüst sowieso irgendwie kaputt ist.

Ein Hinweis, was die Folgen solcher ‚Diagnosen‘ sein können gibt die nächste Patientin.

Dreißig Jahre später

Patientin: ‚Ich habe schon seit der Kindheit Morbus Scheuermann und Skoliose. Bandscheibenvorfälle in der gesamten Wirbelsäule. Alle Bandscheiben der Brustwirbelsäule sind geschmälert. Dazu noch diverse andere Erkrankungen.‘

Ich: ‚Morbus Scheuermann und Skoliose sind aber keine Erklärung für Schmerzen.‘

Patientin: ‚Aber die Bandscheibenvorfälle!‘

Ich: ‚Nicht zwangsläufig. Wer hat das denn gesagt?‘

Patientin: ‚Alle.‘

Zustände die mit dem Begriff ‚Morbus‘ beginnen werden als sehr viel ernster wahrgenommen, als andere Diagnosen. Sind sie deshalb auch schlimmer? Nein!

Aber an diesem Fall wird für mich klar was passieren kann, wenn von frühester Kindheit an darauf hingewiesen wird, dass der Rücken kaputt ist. Und das damit ja auch klar ist, dass ständige Schmerzen eben normal sind. Natürlich ist es nicht der einzige Faktor, aber ein wichtiger. Wenn Gesundheitsversorger der Ansicht sind, dass sie einen Einfluss auf ihre Patienten haben, dann müssen sie auch die Kommunikation daran anpassen.

Ein paar wenige Menschen nehmen solche Situationen als extra motivierende Herausforderungen an, und stürzen sich in die gesunde Lebensführung. Um zu beweisen, dass diese negative Sichtweise widerlegt werden kann.

Die meisten aber sind eher desillusioniert und entmutigt, wenn schon früh klar gemacht wird, dass Bewegung eher Dein Feind ist und Du alles dafür tun solltest Dich zu schonen. Denn nur Ann es sein dass Du mal ein paar schmerzfreie Stunden erlebst.

Bewegung ist das Einzige was beiden diesen Patienten helfen wird die Lebensqualität wiederzugeben, zu erhalten und zu steigern!

Meine Aufgabe ist es ihnen Wege aufzuzeigen wie das funktionieren wird!

Denkanstöße, Tipps und Übungen für den Alltag?